Verblasst, aber nicht vergessen

Neues Jahr, neues Glück. Ich habe schon lange nichts mehr geschrieben. Der Übergriff drängt sich immer mehr in die hinteren Hirnhälften. Das fühlt sich gut an. Klar, noch immer drehe ich mich, wenn es dunkel ist, besorgt um, und schaue, wer hinter mir läuft. In diesen Momenten wird es wohl nie verschwinden. Aber ich habe nicht mehr jeden Tag diese Bilder, die durch meinen Kopf schießen wie durch einen Diaprojektor. Es verblasst – und doch bleibt es nicht vergessen.

Gerade wenn solche Meldungen bekannt werden, wie dieser Tage:  Dutzende Männer haben mindestens 100 Frauen in Köln belästigt, eine Frau wurde sogar vergewaltigt. Fassungslos macht mich das. Und dann der Mega-Tipp der Bürgermeisterin: Man solle doch als Frau schon nicht die Nähe suchen, und eine Armlänge Abstand halten, von Menschen, die man nicht kenne. Bei solchen Aussagen kocht es in mir.

Ich bin gespannt, wie sich die Diskussion entwickelt, was die Polizei noch ermitteln wird. Die Frage, die für mich, wie auch in dem Kölner Fall, offen ist: Welche Motivation steckt hinter so einer Tat?

Advertisements

Herbstanfang

Jetzt kann man wirklich nicht mehr von Sommer sprechen. Irgendwie möchte ich nie, dass er zu Ende geht  – in diesem Jahr besonders. Mit dem Sommer war für mich mehr Helligkeit verbunden. Mehr Sicherheit, weniger Nacht, die so oft bedrohlich schien.

Nun merke ich jeden Tag, wie viel früher es dunkel wird. Und ich spüre in mir die Angst, dass mit der stärkeren Dunkelheit auch diese Nacht wieder in wächst; diese Nacht, die zurzeit wie ein verschwommenes Bild abgelegt zu sein scheint.

Erst vor wenigen Tagen war diese Nacht wieder Thema in meinem Träumen. Ich lief in einem Ballkleid durch eine Einkaufspassage, ein langer Schlauch, gefliest mit hellen Platten. Plötzlich steuert ein älterer Mann auf mich zu, greift mir ins Dekolleté als würde ihm mein Aufzug eine Erlaubnis erteilen. Ich weine nicht, breche nicht zusammen, sondern schreie ihn an: „Tickst du noch richtig?“, brülle ich. Laufe weiter, an Menschensilhouetten vorbei, die sich nicht wohlwollend anfühlen.

Als ich aufwache weiß ich, dass in mir Stärke wächst.

Aufwärts in der Metro

In der U-Bahn fiel es mir wieder ein. Ich war auf dem Weg zur Arbeit. Ein normaler Morgen. Wie immer stieg ich ein in einen der Waggons, weiter vorne, wie immer drängten sich dort Menschen, alle mit dem gleichen Ziel. Vielleicht war es die plötzliche Dichte in dem Wagen, die mich erinnern ließ, aber auf einmal durchschoss mich ein Gedanke: Ich habe schon lange nicht mehr für meinen Blog geschrieben, dachte ich. Gefolgt von einem inneren Jubelschrei: Für wenige Wochen habe ich nicht mehr an diese Nacht gedacht. Ja, diese Bilder der Nacht waren nicht mehr so präsent.

Es war ein starker Moment, der mir endlich das Gefühl gab, dass ich Fortschritte machte. Sicher, gleichzeitig hieß es auch, dass die Nacht wieder in mein Bewusstsein schoss, aber ich fühlte mich auf dem richtigen Weg.

Tal der Tränen

Ich weiß auch gerade nicht, was die Tränenlawine losgetreten hat. War auf dem Geburtstag eines Freundes, wie jedes Jahr regnet es an seinem Ehrentag, und wie jedes Jahr feiert er ohne Kompromisse im Park. Hartnäckig der Kerl, aber so liebenswürdig. Ich bin jedes Mal skeptisch und doch wird es immer ein wunderschöner Abend. Dieses Jahr, zum 34.. direkt an einem kleinen Ententeich, mit Feuerstelle, viel Alkohol. Wie immer in netter Gesellschaft, eben wenn Freunde zusammen sitzen. Und natürlich hat es wie jedes Jahr nicht mehr groß geregnet und es war einfach schön.

Dann ging es ums nach Hause fahren, habe kurz auf dem Handy einer Freundin geschaut, ein bisschen komplizierter Weg von dort zu mir, aber alles kein Problem. Nachts braucht man eben länger. Plötzlich wollte ich nur noch weg. Habe meine Freunde umarmt, und schon ein Kloß im Hals gehabt, beim Geburtstagskind hatte ich schon hohen Wasserstand.

„Alles ok“, sagte ich. „Kein Problem.“ Ich wollte stark sein. Ich schaffe es allein durch den dunklen Park bis zur Straßenbahn. Wollte wirklich stark sein. Doch meine Freunde, haben null gezögert. Ohne Fragen zu stellen, haben sie gleich reagiert. Zwei haben mich bis zur Hauptstraße gebracht und mich in ein Taxi gesetzt. Ich habe einfach nur geweint. Ich fühle mich wie in DIESER Nacht, sehe die Bilder so präsent vor mir, als sei es gerade passiert: Wie er mir unter mein Kleid greift, es hoch reißt und einfach versucht mich zu ficken. Ich kann überhaupt nicht aufhören zu weinen, wie damals in den ersten Tagen danach. Ich weiß nicht, wieso es ausgerechnet heute passiert. Hatte einen wunderschönen Mädelstag, frühstücken, baden gehen, ins Gewitter kommen, pitsche nass zu Hause reinschneien, quatschen und zu einer Geburtstagparty gehen – alles ganz entspannt. Und nun rollen die Tränen, und ich kann einfach nicht aufhören zu weinen. Alle Bilder von dieser Nacht werden hochgespült.

Jahreswechsel

Zehn, neun, acht… Neujahr. Raketen knallen, Bleigießen für die Voraussage des neuen Jahres und mir wird klar: Eineinhalb Jahre ist der Übergriff her und noch immer habe ich mein Sicherheitsgefühl auf der Straße nicht zurückerobert. Erst vor ein paar Tagen fing jemand hinter mir an zu rennen, durch die Laterne sah ich seinen langen Schatten auf mich zurasen; dazu das näher kommende Traben seiner Füße; ich zuckte zusammen.

Habe gerade einen Beitrag zum Thema „sexuelle Gewalt“ gesehen. Wir müssen mehr über die Folgen reden, endet er. Voila! Ich werde weiter diesen Blog schreiben. Gesundes Neues!

http://www.daserste.de/information/wissen-kultur/ttt/videos/wie-ist-die-weltweite-gewalt-gegen-frauen-zu-stoppen-100.html