Erwachte Wut

In mir löst sich etwas. Ungewohnte Wut steckt in mir und ich kann sie nicht darauf fokussieren, wohin sie gehört. Bluffe meinen Freund an, wie ich es noch nie getan habe. Es tut mir leid. Ich weiß einfach nicht wohin mit all der zerstörerischen Kraft, die in mir aufsteigt. Ich glaube, dass es mit dem Übergriff zusammenhängt und nun eine Phase beginnt, in der ich die Gefühle zulasse, die ich hätte damals spüren sollen und nicht konnte. Eigentlich gut.

Gestern hatte ich einen Traum. Ich war in dem Bezirk, in dem ich aufgewachsen bin und doch an einem Punkt, an dem ich keine Orientierung hatte. Ich fragte nach dem genauen Ort, an dem ich gewohnt hatte und ein Passant zeigte mir die Richtung, und auf einen Weg, der mich direkt dort hinführen würde.

Ein schmaler Gehweg, umgeben von Bäumen, fern von Verkehrsstraßen. Ein betonierter Weg, der sich durch ein Wohngebiet zieht. Bei Tageslicht ein einladender Pfad, jetzt in der Dämmerung flößte er mir Angst ein. Bedenken, ob ich ihn tatsächlich nehmen sollte. Ich fasste Mut, schwang mich auf mein Fahrrad, drängte vorbei an einem Wagen, der mitten auf der Straße stand, als wollte er mir den Weg dorthin versperren.

Ich fuhr vorbei, an Kinderspielplätzen, an kleinen Jungen, die mir hinterherriefen, bis zu einer Stelle, die nur knapp 30 Zentimeter breit war, darunter eine Schlucht, wie in einer Bergwüste. Unter mir Wespen, über mir auch. Panische Angst abzustürzen. Schnitt. Ich saß mitten in eine Art Bürocontainer. Um mich herum Personal. An die Unterhaltung dort, kann ich mich nicht erinnern.

Ich erwachte mit angestauter Wut, die mich noch lange in den Tag begleitete. Das fühlt sich nicht gut an.

 

 

Fertig verhandelt

Ich habe mich entschieden: Ich habe meine geplante Tunesienreise gekürzt. Von drei auf eine Woche. Ich habe mich nicht getraut allein Urlaub zu machen. Werde somit nur für eine Woche einen Freund besuchen. Da kann ich dann austesten, wie ich mich fühle, allein unterwegs zu sein, wenn er auf Arbeit ist, oder beschäftigt. Aber hey, Schritt für Schritt.

Traumschleifen

So lange waren sie verschwunden. Jetzt drängt sich das Thema fast jede Nacht in meine Träume. Diese saß ich an einer Bar, schick gekleidet, schwarzes elegantes Kleid, als würde ich auf einen Ball gehen wollen. Neben mir stand ein junger Typ, der mich zu gewinnen versuchte. Er schwafelte etwas von sexuellen Übergriffen: Wer denn so was tatsächlich erlebt habe, faselte er. Und bewegte sich dabei, als würde er tanzen. Voller Heiterkeit.

Als er verschwand saß neben mir plötzlich ein anderer Mann. Sanfter Blick, etwas gebeugt, so als hätte er gespürt, wie schwer dieses Erlebnis auf meiner Seele brannte. Mit welchem Unverständnis ich den anderen Fremden anblickte. Ob ich es ihm erzählen wolle, fragte er? Ich hörte mich nicht sprechen, aber meine Lippen bewegten sich.

Vielleicht steht der Traum dafür, mehr darüber sprechen zu wollen. In der Therapie versuche ich das Thema manchmal zu umschiffen. Aus Angst es noch nicht ertragen zu können. In einer meiner Sitzung vor ein paar Tagen erzählte ich, was mir am Wochenende passierte: Ich fuhr mit dem Bus – Schienenersatzverkehr – und kurz vor der letzten Haltestelle bremste der Fahrer so stark, dass der Mann neben mir in mich hinein fiel, mit seinem Arm in mein Gesicht schlug. Drei Mal hat er sich entschuldigt. Ich lächelte ihn an. Kein Problem, sagte ich, während ich die Tränen bekämpfte.

Die nächsten Stationen mit der U-Bahn habe ich geweint – leise. Ich konnte mich nicht beruhigen. Die Wunde ist noch offen, nicht verheilt, war das Fazit in der Therapie. Dann sprachen wir über andere Themen, die mich zurzeit wieder bewegen: Mein toter Vater, seine Taten.

Der fallende Mann, auch er verfolgte mich in meinem Traum. Dort schlug er mir ins Gesicht.

Nach dem Aufwachen ist es immer gleich: Ich bin belegt mit einer tiefen Trauer, wie ein Schleier, den ich nicht schaffe zu heben. Ich habe das Gefühl, wenn jetzt etwas nicht läuft wie geplant, die kleinste Kleinigkeit, dass ich dann sofort beginne zu weinen.

Traumfänger

Von Berlin nach Brasilien in wenigen Sekunden. Dorthin wo es warm ist. Das ist erst einmal super. Ich stehe neben meinem ausgebreitetem Handtuch auf einer Steinklippe. Unter mir eröffnet sich ein Blick wie aus einem Sciencefiction-Film. Etwas futuristisch sieht die Stadt aus. Ich habe kein scharfes Bild davon, aber es ist grau und direkt am Wasser. Jemand warnt mich, dass ich von hier oben bloß nicht ins Wasser fallen soll. Die See sieht harmlos aus, aber es gebe Strömungen, die dich in den Tod reißen.

Plötzlich taucht neben mir ein Mann auf. Ich kann mich an ihn nicht erinnern. Nur daran, dass er mir Angst macht. Ich kann nicht weg, stehe am Rand der Klippe, das Wasser im Augenwinkel. Obwohl ich will, dass der Mann verschwindet sage ich nichts. Warte ab. Sage mir selbst: Es wird bestimmt nichts passieren. Im Traum gibt es kein Gefühl für Zeit, aber irgendwann kommen Freundinnen, die ihr Handtuch neben meines legen. Und ihn verjagen. Das gute ist: Mir ist nichts passiert. Zurück bleibt das Gefühl, allein nicht die Kraft gehabt zu haben, ihn fortzujagen.

Meine Kraftsätze haben offenbar im Traum noch keine Wirkung. Aber es kann auch sein, dass Träume hinterherhinken.

Schisshase

Ich bin in einer neuen Stadt. Beruflich. Nur für ein paar Wochen. Und ganz ehrlich: Ich habe abends noch nicht einen Schritt vor die Tür gesetzt. Ich meine diese Stadt ist nicht sonderlich groß und hier soll auch nicht viel los sein… und das bete ich mir im Kopf immer wieder vor, um nicht darüber nachdenken zu müssen, dass ich Angst haben könnte, alleine raus zu gehen und das Unbekannte zu erobern.

Bei der Wohnungsübergabe hat die junge Dame mir abgeraten, zu diesem einen bestimmten Park zu gehen. Viele Drogen. Und in letzter Zeit habe es viele Übergriffe auf Frauen gegeben. Super Voraussetzung. Willkommen neues Übergangszuhause.

Zu dunkel

Genau 15 Minuten müssen wir auf die Straßenbahn warten. Es ist noch nicht einmal Mitternacht und ich fluche mal wieder über die Öffentlichen Verkehrsmittel und philosophiere, seit wann die Bahn um diese Zeit nur alle 20 Minuten fährt. Immer wenn wir länger als acht Minuten warten müssen, laufe ich mit meinem Freund eine Station. Es vertreibt die Zeit. Und man hat das Gefühl, man kommt voran.

Als wir vor ein paar Tagen liefen, fiel mir zum ersten Mal auf, dass der Bürgersteig an der Hauptstraße überhaupt nicht beleuchtet ist. Neben einer fast unbefahrenen mehrspurigen Straße und parkenden Autos, eine gemütliche Atmosphäre – aber beängstigend. Auf uns steuerte eine junge Gestalt zu, die Kapuze ins Gesicht gezogen. Früher hätte mir das wenig ausgemacht. Was sollte schon passieren? Es war meine Stadt und die fühlte sich an wie ein Schutzmantel. Ich glaube an das Gute im Menschen. Das tue ich auch immer noch. Aber nun knetete ich die Hand meines Freundes, als müsste sie wiederbelebt werden. Es war mein Zeichen an ihn, immer wenn ich wegen dieser Sache in Panik geriet.

Es passierte nichts, wir liefen weiter und ich merkte, dass auch hinter uns jemand lief. Meine Triggerzone. Von hinten. Aus. Vorbei. Ich wechselte die Straßenseite. Sah wieder diesen dämlichen Film in Endlosschleife. War genervt davon, dass es mich noch immer packt. Als ich das in der Therapie erzählte, fragte meine Therapeutin: „Sie hatten auch Angst, obwohl ihr Freund dabei war?“

Bam. Das hatte mich getroffen. „Ja“, sagte ich leise. Was mich noch mehr nervte. Es muss doch irgendwann auch einfach OKAY sein.