Der Entschluss

Es gibt keinen Tag, an dem er nicht läuft, dieser Film in Endlosschleife: Ich, wie ich mich krümme. Er direkt hinter mir. Sein Becken gegen meinen Po stoßend. Viermal. Fünfmal. Sechsmal. Ich kann mich nicht erinnern wie oft. Will es nicht zählen. In meinem Kopf schieben sich Bilder ohne diesen Mann dazwischen, Momente wie Diabilder an einer Wand: mein Smartphone wie es auf den Boden liegt, der grauschwarze Asphalt, im Licht der Straßenlaterne. Aus dem Off meine Schreie, die an meinen Stimmbändern reißen.

Nur wenige Minuten zuvor hatte ich noch in einer Eckkneipe auf der Terrasse gesessen, blickgeschützt von Blättern. Wie ein Haus umschlossen sie die wenigen Quadratmeter, auf der nur Platz für vier Tische war. Zwei hatten wir zusammengeschoben, wie so oft. Ich bestellte wie jedes Mal eine große Apfelschorle. Später, als die Polizei eintraf und ich meinen Abend für sie rekapitulieren musste, betonte ich, dass ich nur eine Apfelschorle getrunken habe – als müsste ich einen Beweis dafür liefern, dass ich nicht getrunken habe. Schuldlos bin, was passierte.

Es waren nur wenige Sekunden. Meine Schreie haben ihn vertrieben. Das haben mir andere später erklärt. Nun ist es schon fast ein Jahr her. Und noch immer sitzt die Angst in mir, wenn es dunkel wird, dass es wieder passiert.

Ständig stelle ich mir die Frage, wie offen ich als Frau mit „dieser Situation“, wie ich es immer nenne, umgehe. Ich habe nach dem Übergriff viele Studien gelesen, sie verschlungen, als müsste ich mich dieser Informationsflut stellen. Eine Metaebene durch mein eigenes Erleben ziehen. Ich bin Journalistin. Und damit stand automatisch die Frage im Raum: Will ich darüber schreiben? Kann ich durch mein Schreiben ein Schweigen durchbrechen? Viele Frauen sprechen nicht über sexuelle Übergriffe. Damit bleibt es im Dunkeln.

Privat gehe ich damit sehr offensiv um. Aber damit in die Öffentlichkeit gehen? Mit dem, was mich in meinen Sicherheitsgefühl erschüttert hat? Mit dem, was mich noch destabilisiert? Die Kraft darüber mit Klarnamen zu schreiben habe ich nicht. Und doch ist es mir ein Anliegen zu zeigen, was es mit einem macht, wie man aufgefangen wird (oder eben nicht). Also habe ich beschlossen, darüber anonym zu bloggen. Auch in der Hoffnung, es nicht – wie sonst so oft – in meinem Innersten zu begraben.

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Ein Gedanke zu “Der Entschluss

  1. Ich finde es toll, dass du dir den Mut und die Zeit für diesen Blog nimmst. Es ist unheimlich wichtig, dass du das machst. Und nicht nur für dich. Danke dafür. Hab vorhin im Missy Magazin vom Blog erfahren. Schön, dass er etwas Öffentlichkeit bekommt.

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