Leserbrief

S. Paar hat sich beim Missy Magazin beschwert, wie mein Blog in der Zeitschrift vorgestellt wurde. Paar kritisiert: „Die Strategien die Frauen zu ihrer Verteidigung entwickeln werden nicht erwähnt und damit die Machtlosigkeit der Opfer nicht einmal beschrieben, sondern vorausgesetzt.“ So habe ich „Glück“ gehabt, dass ich nicht vergewaltigt worden sei. Und: „Die Schreie hatten ihn in die Flucht geschlagen, nicht die Frau, die geschrien hat.“

IMAG2380 KopieDiese Worte hallen seit Tagen in mir nach. Und jetzt haben sie ein Tor aufgestoßen, das ich lange versucht habe zu öffnen: Das Tor zwischen Hirn und Herz. Etwas theoretisch Logisches, scheine ich langsam auch emotional wahrzunehmen.

Klar, schon mehrere Personen haben mir gesagt, dass ich stark sei. Dass ich ihn vertrieben habe. Zum Beispiel am Frauennotruftelefon meinte eine Mitarbeiterin: „Gratulation, mit IHREN Schreien haben Sie ihn vertrieben.“ Mein Freund hat es ebenfalls mehrmals gesagt und es war auch schon Thema in der Therapie. Die Worte klangen auch logisch. Aber in meinem Unterbewusstsein ist es nicht angekommen. Es schwang sogar ein zweifelndes Gefühlt mit: Naja, das müssen sie ja bestimmt sagen, um mich aufzubauen.

Der Leserbrief hat jedoch irgendetwas in mir ausgelöst. Vielleicht weil er die Situation allgemein betrachtete und es nur indirekt um mich ging. – Ich fühlte mich stark. ICH habe ihn durch meine Schreie vertrieben. Habe nicht zugelassen, dass er mich weiter erniedrigt. Und das versuche ich mir nun einzubleuen.

Meine Therapeutin hat mir vor ein paar Tagen eine Heilübung mitgegeben, durch die ich mein Gehirn anrege und meinen traumatischen Erinnerungen, etwas Positives entgegensetzte. Dosis: drei Mal täglich. Dafür soll ich meine Hände in vier verschiedene Positionen um meinen Kopf halten. Alle 30 Sekunden eine andere. Und meine negative Erinnerung hervorrufen und mir immer wieder sagen, was ich dem positivem zu entgegnen habe.

Ich saß also im Schneidersitz auf dem Sofa, die Finger wie Buddha gespitzt, direkt vor meinem Kopf. Ich versetzte mich in diese Nacht zurück und zum ersten Mal habe ich es nicht aus der Vogelperspektive gesehen. Sondern ich lag auf dem Bürgersteig, mein Blick war nach oben gerichtet und ich sah seinen Hinterkopf weglaufen. Und immer wieder sagte ich mir die Worte: Ich habe ihn vertrieben. Ich habe ihn vertrieben. Danke dafür S. Paar.

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