Die ersten Tage

Ich muss gerade viel an die ersten Tage nach dem Übergriff denken. Ich weiß noch wie ich gleich am nächsten Morgen zur Arbeit gegangen bin, weil ich mir durch diese „Sache“ nichts nehmen lassen wollte. Ob man mir diese Nacht ansieht, habe ich mich gefragt. Dass es mir nicht gut ging, muss man denke ich gesehen haben. Meine Augen waren so aufgequollen vom vielen Weinen und ständig stieg mir das Wasser in die Augen, das ich versuchte unter Kontrolle zu halten.

Mir war als ich 16 Jahre alt war schon mal ein Mann gefolgt, der versucht hatte mir zwischen die Beine zu gehen. Über Minuten rannte er hinter mir her. Ich war schneller. Monate hatte mich das aus der Bahn geworfen. Aber nun war ich Ende zwanzig und aus irgendeinem Grund dachte ich: Ich bin eine erwachsene Frau. Ich werde das ja wohl irgendwie aushalten.

Ich weiß nicht, ob es das Richtige war, mich in Arbeit zu stürzen. Es schien mir jedoch eine gute Ablenkung. Denn allein zu Hause zu sein, war noch schlimmer. Sobald nach Feierabend die Tür hinter mir ins Schloss fiel, stürzte alles über mir zusammen. Nachts traute ich mich nicht mehr raus. Über Wochen. Einmal hatte ich einen Termin, der unweigerlich länger dauerte und ich im Dunkeln nach Hause musste. Eine Qual. Ich wählte die Nummer eines Freundes nach dem anderen, bis einer abhob. Ich wollte nicht allein sein, wollte am anderen Ende eine vertraute Stimme haben, die mich begleitet.

Mir war klar, dass telefonieren mich nicht vor einem weiteren Übergriff schützen würde. Das hatte ich um ehrlich zu sein bis dahin gedacht: Wenn man telefoniert, dann wird man in Ruhe gelassen. Und ich habe Freundinnen, die auch so dachten. Aber in dieser einen Nacht sprach ich mit einem Bekannten am Telefon und es passierte dennoch.

Kurz bevor es passierte, beschlich mich ein ungutes Bauchgefühl – was wohl viele Frauen haben, bevor sie überfallen werden, wurde mir gesagt. Ich erinnere mich noch, wie ich am Telefon sagte: „Ich glaube, jemand will meine Handtasche klauen.“ Und schob meinen Beutel vor meine Brust. Das Smartphone in der Hand, die Tasche fest umklammert. Keine Hand frei, um schnell zu reagieren.

Als das Handy auf den Boden knallte, hörte mein Bekannter am Telefon meine Schreie – ein Tonzeuge. Er dachte im ersten Moment, ich würde einen schlimmen Unfall sehen oder meine Handtasche sei tatsächlich gestohlen worden – auch ihm fehlte wie mir zuvor die Vorstellungskraft, dass ein Mann mir das Kleid hochreißen könnte, um sein Becken gegen meines zu stoßen.

Ich habe oft mit ihm danach telefoniert, aus dem Gefühl heraus, er würde mich am besten verstehen, weil er alles gehört hatte. Denn ich musste erfahren, dass selbst gute Freunde der Situation hilflos gegenüberstanden: „Ach, das war bestimmt ein Junkie“, sagte einer meiner besten Freunde als ich ihm davon erzählte. „Das darfst du nicht so ernst nehmen.“ Mit ihm habe ich nie wieder darüber gesprochen.

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Fehlende Worte

Ich weiß nicht, wie ich es aufgreifen soll. Ich lag auf diesem Sofa, mit dem Muster aus Quadraten. Im Sudterrain, in diesem so kahlen Raum, der bewusst so gehalten ist. Ich weiß, wieso ich auf diesem Sofa liege. Um diese Nacht zu verarbeiten. Um mich nachts wieder sicher auf der Straße zu fühlen. In der letzten Sitzung habe ich vom Blog erzählt, zum ersten Mal mit meiner Therapeutin darüber gesprochen. Und ich will an diesem Punkt anknüpfen.  Weiß aber nicht wie ich anfangen soll. Spreche dann doch über das, was mich sonst in meinem Leben beschäftigt – die ganzen 50 Minuten, die ich mit ihr habe.

Es fühlt sich so an, als würde jemand, den man nicht so gut kennt, fragen: Wie geht es dir? Und man setzt sein freundliches Lächeln auf, die Maske, die man gelernt hat als Kind zu tragen, und sagt: Alles ist gut; während vor dem inneren Auge, die Bilder aufblitzen, die einem vorführen, dass es einem absolut nicht gut geht.

Gerade habe ich eine Serie geguckt, in der eine Frau 15 Jahre für sich behalten hat, dass sie von einem Familienmitglied vergewaltigt wurde. Sie hat sich weder Freunden noch ihrem Ehemann anvertraut. Es war unerträglich und das schlimme ist, es steht für eine unerträgliche Realität. Nur 4 Prozent aller vergewaltigten Frauen gehen vor Gericht. In der Hälfte der Fälle sind die Täter die eigenen Ehemänner, häufig Verwandte, Freunde, Nachbarn, Arbeitskollegen. Ich finde, dass man das bedenken muss, wenn wir über Gleichberechtigung in Deutschland nachdenken; über Frauenquoten und gleiche Bezahlung diskutieren. Hinter vielen Türen findet so viel Unterdrückung statt. Jede siebte Frau hat sexuelle Gewalt erlebt. Jede zweite Frau ist sexuell belästigt worden.

Ich wurde nicht vergewaltigt. Ich hatte Glück im Unglück, wenn man es so will. Weil ich offenbar die intuitive Kraft hatte, um mein Leben zu schreien. Und Lärm nicht das ist, was dieser Mann erwartet hatte. Er suchte nach schwachen Frauen, das wurde mir am Frauennottelefon gesagt. Aber woran soll man das erkennen?

Ich bin „nur“ überwältigt worden. Angefasst von einem Mann, der nicht um Erlaubnis fragte. Der von hinten kam, und sich einfach nahm, was er wollte. Das sitzt wie ein Dorn in mir, den ich nicht schaffe, herauszuziehen. Und ich weiß einfach nicht, wie ich beginnen soll.

Nach vorn

Heute habe ich zum ersten Mal in der Therapie über „die Sache“ geredet. Klar, in der ersten Sitzung habe ich kurz angerissen, warum ich da bin. Aber wir haben danach nicht näher drauf geschaut. Ich bestimme selbst, über was wir reden. Und bislang drehte es sich um allgemeine Dinge: Familie, Sex, Arbeit (Nicht, dass das alles rosig wäre.) Ich wusste aber nicht, wie ich anfangen soll.

Die Idee mit dem Blog fand sie gut. Und das Schreiben hilft mir, es nicht zu verdrängen. Das Blog war der Anstoß erstmals darüber zu sprechen, auf diesem Sofa liegend, im Südterrain, mit dem Blick auf einen Hinterhof. Ich habe geweint. So richtig geweint, wie schon lange nicht mehr. Das sind Momente, in denen ich froh bin, einen Therapieplatz zu haben. Schon oft dachte ich: Ach, ich bekomm das schon alleine hin. Ich bin doch ein Stehaufmännchen, wie ich zu sagen pflege. Aber die meiste Zeit bin ich gerade einfach nur müde.

Der Entschluss

Es gibt keinen Tag, an dem er nicht läuft, dieser Film in Endlosschleife: Ich, wie ich mich krümme. Er direkt hinter mir. Sein Becken gegen meinen Po stoßend. Viermal. Fünfmal. Sechsmal. Ich kann mich nicht erinnern wie oft. Will es nicht zählen. In meinem Kopf schieben sich Bilder ohne diesen Mann dazwischen, Momente wie Diabilder an einer Wand: mein Smartphone wie es auf den Boden liegt, der grauschwarze Asphalt, im Licht der Straßenlaterne. Aus dem Off meine Schreie, die an meinen Stimmbändern reißen.

Nur wenige Minuten zuvor hatte ich noch in einer Eckkneipe auf der Terrasse gesessen, blickgeschützt von Blättern. Wie ein Haus umschlossen sie die wenigen Quadratmeter, auf der nur Platz für vier Tische war. Zwei hatten wir zusammengeschoben, wie so oft. Ich bestellte wie jedes Mal eine große Apfelschorle. Später, als die Polizei eintraf und ich meinen Abend für sie rekapitulieren musste, betonte ich, dass ich nur eine Apfelschorle getrunken habe – als müsste ich einen Beweis dafür liefern, dass ich nicht getrunken habe. Schuldlos bin, was passierte.

Es waren nur wenige Sekunden. Meine Schreie haben ihn vertrieben. Das haben mir andere später erklärt. Nun ist es schon fast ein Jahr her. Und noch immer sitzt die Angst in mir, wenn es dunkel wird, dass es wieder passiert.

Ständig stelle ich mir die Frage, wie offen ich als Frau mit „dieser Situation“, wie ich es immer nenne, umgehe. Ich habe nach dem Übergriff viele Studien gelesen, sie verschlungen, als müsste ich mich dieser Informationsflut stellen. Eine Metaebene durch mein eigenes Erleben ziehen. Ich bin Journalistin. Und damit stand automatisch die Frage im Raum: Will ich darüber schreiben? Kann ich durch mein Schreiben ein Schweigen durchbrechen? Viele Frauen sprechen nicht über sexuelle Übergriffe. Damit bleibt es im Dunkeln.

Privat gehe ich damit sehr offensiv um. Aber damit in die Öffentlichkeit gehen? Mit dem, was mich in meinen Sicherheitsgefühl erschüttert hat? Mit dem, was mich noch destabilisiert? Die Kraft darüber mit Klarnamen zu schreiben habe ich nicht. Und doch ist es mir ein Anliegen zu zeigen, was es mit einem macht, wie man aufgefangen wird (oder eben nicht). Also habe ich beschlossen, darüber anonym zu bloggen. Auch in der Hoffnung, es nicht – wie sonst so oft – in meinem Innersten zu begraben.