Schlüssel zum Chaos

Es ist als hätte ich die vergangenen Sitzungen genutzt, um Kraft zu tanken, um zu verarbeiten, was sich unter all den Wunden verbirgt. Ich fühle mich gerade, als hätte ich endlich den Schlüssel zu einem Raum gefunden, der viel über mich verbirgt. In meinem Kopf ist das eine verwüstete Bibliothek; alles in schwarz-weiß, überzogen von einer Staubschicht, umgeworfene Tische und Stühle, Bücher, die verstreut auf dem Boden liegen. Es wird eine Weile dauern, den Raum zu ordnen und zu entdecken. Viel Kraft wird es kosten. Aber zumindest stehe ich nicht mehr vor verschlossener Tür und habe überhaupt ein Bild, was sich dahinter verbirgt.

Der Weg zum Schlüssel begann mit einem Gespräch mit meinem Freund nach meiner letzten Therapiesitzung. Ich erzählte ihm, dass wir nun wieder zu DEM Thema vorgedrungen sind. Und er sagte, wie leid es ihm tue, dass es mich immer noch so beschäftigt. Und das wir dort wohl bald auch über ihn sprechen würden.

„Über dich?“, frage ich. „Na, weil ich nicht da war.“

Mein Freund und ich hatten nie darüber gesprochen: Ich war beruflich in einer fremden Stadt, kannte niemanden und dort geschah der Übergriff. Eine extreme Situation und doch ist er nicht gekommen, um mich zu stützen. Erst drei Wochen danach, an dem Punkt, an dem meine Seele streikte und sich weigerte, einfach so weiterzuarbeiten, fuhr ich für einige Tage zurück nach Hause. Endlich konnte ich mich bei ihm anlegen. Natürlich war ich enttäuscht, dass er nicht gekommen war. Und er hatte ein schlechtes Gewissen, weil er nicht sofort begriff, wie schwerwiegend der Übergriff für mich war. Also schwiegen wir uns darüber aus. Das schien leichter.

Damit habe ich heute die Sitzung eröffnet. Ich habe von unseren Telefonaten nach dem Übergriff erzählt, dass er meinen Schmerz nicht verstand, sondern mir immer sagte, dass ich wütend sein muss auf diesen Typen, dass ich mich nicht hängen lassen soll. Aber ich spürte keine Wut, nur Schmerz. Ich hatte mir meinen Schutzfilm geraubt und seine Ansage, verstand ich nicht als Hilfe, sondern als Angriff. Ich wusste nicht, wohin mich diese Rückblinde in der Therapiesitzung führen würden, aber die Sätze meiner Therapeutin überraschten mich schon: „Ja, aber er hat Recht.“ Er hatte das Gefühl, das ich haben sollte. Wut.

In mir machte sich wieder das Gefühl von damals breit: Angriff. Ich schaltete auf Verteidigung. Das erklärte ich ihr, indem ich noch einmal beschrieb, wie ich mich fühlte, wie auch Freunde mich nicht verstanden. Wie allein ich mit dem Schmerz war. Und sie gab, wie sie es öfter macht nachdem sie merkte, worum sich meine Aussagen kreisen, der Sitzung ein Thema: „Ich glaube, heute geht es um mangelnde Empathie. Um nicht verstanden fühlen. Um einen Schmerz, der nicht gesehen wird.“ Dass selbst Menschen die einem nah stehen, solch einen Situation nicht verstünden, sei normal, sagte sie. Und: Dass diese fehlende Empathie sie noch an etwas anderes erinnere. Und ich verstand sofort.

Mir flossen die Tränen über die Wangen, ununterbrochen. Hier wurde zum ersten Mal die Verbindung zu meinem Vater deutlich. So oft hatte sie schon gesagt, dass sie glaubt, dass ich das Ereignis so schwer verarbeite, weil es auf ein fehlendes Fundament fällt – auf nicht aufgearbeitete Verletzungen aus der Kindheit. Die Gewalt meines Vaters wurde auch nie gesehen. Gedeckt von der Familie wusste niemand, wie mein Vater mich erniedrigte, wie er mich mit einem Holzlöffel verprügelte.

Und wie bei diesem Übergriff, hatte ich als Kind nie irgendwelche sichtbaren Blessuren. Ich hatte keine schlimmen Striemen, wie ich es im Fernsehen gesehen habe, keine blauen Flecken, mit denen ich jemanden überzeugen hätte können, wie schlimm die Gewalt meines Vaters für mich war. Von dem Übergriff hatte ich nur einen kleinen grünen Fleck am Oberschenkel, eine kleine Spur davon, wie er mein Kleid hochriss. Mehr nicht. Von den Schlägen meines Vaters hatte ich nie Blessuren, mal eine aufgeplatzte Lippe, als er einen Schuh nach mir warf. Sonst nichts.

Das verdeckt bleiben der Gewalt hat in mir einen Wunsch hervorgebracht, den ich nie ausgesprochen habe, selbst versucht habe zu verdrängen. Ich fand ihn makaber. In der Therapie habe ich mich getraut: Da niemand die Gewalt meines Vaters wahrnahm und auch meine Mutter sich dem nicht entgegenstellte, wünschte ich mir, dass mein Vater mich eines Tages sexuell missbraucht. Um endlich einen Beweis zu haben, wie schlimm das alles war, und das er ein schlechter Vater ist. Das schien mir damals die einzige Möglichkeit, mein Umfeld davon zu überzeugen. (Wobei natürlich auch Missbrauch in Familien oft unter dem Deckmantel bleibt, aber das hatte ich als Kind nicht auf dem Schirm.)

Dieser Missbrauchswunsch, der in mir schlummerte, führte dazu, dass ich schwer meine eigenen Grenzen setzen konnte. War mir doch auch nie reflektiert worden, dass die Gewalt meines Vaters auch eine Grenzüberschreitung ist. Als Kind begann ich zu denken, naja, wenn niemand etwas sagt, kann es ja nicht so schlimm sein. Und bei diesem Gedanken ertappe ich mich noch heute. Es fiel mir also schwer meine eigenen Grenzen aufzuzeigen, auch wenn ich Männer kennenlernte. Oft habe ich mit Männern etwas angefangen, von denen ich eigentlich nichts wollte. Nie habe ich verstanden wieso.

Durch den tatsächlichen Übergriff ist in mir offenbar eine so tief verborgene Wunde aufgerissen, durch die meine eigenen Grenzen völlig verschwommen sind. Weil was da passierte, ja offenbar als Wunsch in mir schlummerte. Auf irgendeine Art und Weise. Das zu verstehen, habe ich erst begonnen. Aber zumindest kann ich nun klarer sehen, das Chaos in mir. In diesem einen Raum. Das Ordnen und genauer hinsehen, was alles in dieser imaginierten Bibliothek herumliegt, das sind die nächsten Schritte.

 

Gelüfteter Schleier

Drei Mal die Woche habe ich Therapie. Und es ist oft die dritte Sitzung, die sich so leer und schwer anfühlt – zumindest am Anfang der Stunde. Das Offensichtliche ist bereits erzählt und dann füllt sich der Kopf mit Leere. So wie heute.

„Haben wir noch ein Thema auf der Liste?“, frage ich meine Therapeutin. Denn wir sind schon oft tief in mein Innerstes gereist und am Ende der Stunde war klar, dass es zu diesem Aspekt noch viel zu analysieren gibt. Doch es gibt keine Liste. „Und selbst wenn“, sagt sie, „wird sie mir kein Thema vorgeben.“ Ich muss lachen. Ein Versuch war es wert. Ich weiß ja: Eine Analyse funktioniert so nicht. Es geht darum den Körper durch die eigenen Worte dahin zu leiten, wohin er bereit ist zu gehen.

Heute habe ich keine Ahnung, wohin ich blicken will. Beginne nach einer kurzen Pause davon zu erzählen, dass der Übergriff mich noch beschäftigt, wenn ich durch die Straßen laufe. Ich erzähle das, was ich im letzten Blogbeitrag geschrieben habe. Lange haben wir nicht mehr über diese eine Nacht gesprochen. Es gab andere Themen, die mich bewegten: Mein Vater. meine Mutter. Dinge aus der Kindheit.

So wie ich von den Bildern der ersten Tage erzähle, die in dieser Nacht vor wenigen Wochen wieder in mir aufstiegen, verbreitete ich ein komisches Gefühl im Raum, das erst einmal nur meine Therapeutin spürte. Ich wirke abschweifend beim Erzählen, sagt sie. Abschweifend. Mmh, damit kann ich nichts anfangen. Unbeteiligt vielleicht, sage ich. Und dann: Vielleicht will ich mir nicht eingestehen, wie präsent das Thema noch ist.

„Was denken Sie denn genau, wenn Sie durch die Straßen gehen und sie der Übergriff begleitet?“, fragt sie dann. Und mir entwischt ein vibrierendes Pusten, als wüsste man die Antwort auf eine schwierige Frage nicht und es würde nun einem nun besonders viel Kraft kosten, da eine gute Antwort zu geben. Ich muss lachen. Da scheint wirklich etwas in mir, nicht hinschauen zu wollen.

Ich konzentriere mich. Will ja eigentlich über das Thema reden. Und erzähle von einem Abend vor drei Wochen,  an dem ich auf dem Weg in eine Bar war. Freitags. Nach einer langen Woche. Geplättet. Ein Treffen mit anderen Journalisten ist die Option. Mein Freund will nicht mit und ich kann es verstehen. Zu oft drehen sich diese Abende um Arbeit. Und was ist mit mir? Habe ich Lust allein dort hinzugehen? Oder will ich lieber auf das Sofa zu meinem Freund schlüpfen?

Sei nicht so unsozial, sage ich mir. Du musst unter Leute. Zu oft bin ich kaputt und das Sofa gewinnt. Also entscheide ich mich, alleine hinzufahren – schon den Weg vor Augen, den ich alleine laufen muss. Und dann. Dann ist sie da, die Verbindung zu dieser einen Nacht.

Auch da habe ich nach einem langen Arbeitstag entschieden, doch noch in die Bar zu den Kollegen zu gehen. Und auf dem Rückweg ist es passiert. Was wenn es jetzt wieder so ist? Wenn ich genau jetzt, wo ich wieder entschieden habe, mir einen schönen Abend zu machen, ich auf dem Weg überfallen werde. Wie ein Ohmen quasi.

Auf dem Sofa liegend steigen in mir die Tränen auf. Leises Weinen. Ich kann nur schwer weiter Sprechen. Kaum Atmen. Meine Nase ist dicht. Ich habe den Schleier gehoben, dass was ich so lange als Normal deklariert habe, ohne es wirklich weiter zu erfühlen.

Ich erzähle, dass ich noch immer dieses eine Bild vor Augen habe, wenn ich daran denke: Die parkenden Autos in dem orangen Straßenlaternenlicht, dahinter die flachen Altbauten und dazwischen dieser Kopf eines jungen Mannes, dessen Gesicht unkenntlich bleibt. „Und was fühlen Sie, wenn Sie dieses Bild sehen?“, fragt sie mich. Ich fange bitterlich an zu weinen. Kann mich nicht mehr halten. Sie interpretiert. „Sie fühlen nichts“, sagt sie für mich. Ich nicke. „Eigentlich nicht.“

Ich habe noch keinen Zugriff auf meine Gefühle, was den Übergriff betrifft. Bin voll im Verdrängungsmodus.

Impfstoff

Vor zwei Tagen habe ich mal meine Impfung auffrischen lassen: Tetanus, Keuchhusten etc. Das war längst überfällig. Und nun liege ich flach. Heute Morgen schleppte ich mich völlig schlapp in die Therapie. Langsam war ich, aiaiaia. (Da muss ich gleich an die Worte meiner 88-jährigen Oma denken, die immer sagt: Ich bin so langsam, ich könnte mir selbst in den Po treten.) Als ich um 8:30 Uhr auf dem Sofa lag, fing ich bei den Worten an zu weinen: Ich wurde geimpft. Was ist denn da los?, dachte ich mir. Wieso kommen denn jetzt Tränen.

Ich muss sagen, dass ich jemand bin, der keine Angst vor Spritzen hat und immer besonders cool versuche, damit umzugehen. Wie denn die Impfung gewesen war?, fragte meine Therapeutin. Sie könne sich vorstellen, dass für jemanden, bei dem die eigenen Grenzen gerade nicht so fest sind, weil sie überschritten wurden, dass selbst eine Impfung mich aufwühlt. Und es gibt diese Momente, in denen diese Frau Thesen aufstellt und ich mir denke: Krass, das fühlt sich richtig an und erklärt die Emotion. Erklärt wieso ich erstmals völlig verkrampft da saß, als die Krankenschwester mit der Spritze neben mir stand.

Nächste Woche mache ich eine Zahnreinigung. Das könnte mich auch aufwühlen. Und ganz ehrlich: Das das so seine könnte, und bei der Impfung offenbar so ist, finde ich doch seltsam. Strange world.

PS: Gucke gerade viele Serien auf Englisch. Und natürlich nicht nur eine am Tag (: Das gibt meiner Sprache zurzeit einen englischen Einschlag

Leserbrief

S. Paar hat sich beim Missy Magazin beschwert, wie mein Blog in der Zeitschrift vorgestellt wurde. Paar kritisiert: „Die Strategien die Frauen zu ihrer Verteidigung entwickeln werden nicht erwähnt und damit die Machtlosigkeit der Opfer nicht einmal beschrieben, sondern vorausgesetzt.“ So habe ich „Glück“ gehabt, dass ich nicht vergewaltigt worden sei. Und: „Die Schreie hatten ihn in die Flucht geschlagen, nicht die Frau, die geschrien hat.“

IMAG2380 KopieDiese Worte hallen seit Tagen in mir nach. Und jetzt haben sie ein Tor aufgestoßen, das ich lange versucht habe zu öffnen: Das Tor zwischen Hirn und Herz. Etwas theoretisch Logisches, scheine ich langsam auch emotional wahrzunehmen.

Klar, schon mehrere Personen haben mir gesagt, dass ich stark sei. Dass ich ihn vertrieben habe. Zum Beispiel am Frauennotruftelefon meinte eine Mitarbeiterin: „Gratulation, mit IHREN Schreien haben Sie ihn vertrieben.“ Mein Freund hat es ebenfalls mehrmals gesagt und es war auch schon Thema in der Therapie. Die Worte klangen auch logisch. Aber in meinem Unterbewusstsein ist es nicht angekommen. Es schwang sogar ein zweifelndes Gefühlt mit: Naja, das müssen sie ja bestimmt sagen, um mich aufzubauen.

Der Leserbrief hat jedoch irgendetwas in mir ausgelöst. Vielleicht weil er die Situation allgemein betrachtete und es nur indirekt um mich ging. – Ich fühlte mich stark. ICH habe ihn durch meine Schreie vertrieben. Habe nicht zugelassen, dass er mich weiter erniedrigt. Und das versuche ich mir nun einzubleuen.

Meine Therapeutin hat mir vor ein paar Tagen eine Heilübung mitgegeben, durch die ich mein Gehirn anrege und meinen traumatischen Erinnerungen, etwas Positives entgegensetzte. Dosis: drei Mal täglich. Dafür soll ich meine Hände in vier verschiedene Positionen um meinen Kopf halten. Alle 30 Sekunden eine andere. Und meine negative Erinnerung hervorrufen und mir immer wieder sagen, was ich dem positivem zu entgegnen habe.

Ich saß also im Schneidersitz auf dem Sofa, die Finger wie Buddha gespitzt, direkt vor meinem Kopf. Ich versetzte mich in diese Nacht zurück und zum ersten Mal habe ich es nicht aus der Vogelperspektive gesehen. Sondern ich lag auf dem Bürgersteig, mein Blick war nach oben gerichtet und ich sah seinen Hinterkopf weglaufen. Und immer wieder sagte ich mir die Worte: Ich habe ihn vertrieben. Ich habe ihn vertrieben. Danke dafür S. Paar.

Zu dunkel

Genau 15 Minuten müssen wir auf die Straßenbahn warten. Es ist noch nicht einmal Mitternacht und ich fluche mal wieder über die Öffentlichen Verkehrsmittel und philosophiere, seit wann die Bahn um diese Zeit nur alle 20 Minuten fährt. Immer wenn wir länger als acht Minuten warten müssen, laufe ich mit meinem Freund eine Station. Es vertreibt die Zeit. Und man hat das Gefühl, man kommt voran.

Als wir vor ein paar Tagen liefen, fiel mir zum ersten Mal auf, dass der Bürgersteig an der Hauptstraße überhaupt nicht beleuchtet ist. Neben einer fast unbefahrenen mehrspurigen Straße und parkenden Autos, eine gemütliche Atmosphäre – aber beängstigend. Auf uns steuerte eine junge Gestalt zu, die Kapuze ins Gesicht gezogen. Früher hätte mir das wenig ausgemacht. Was sollte schon passieren? Es war meine Stadt und die fühlte sich an wie ein Schutzmantel. Ich glaube an das Gute im Menschen. Das tue ich auch immer noch. Aber nun knetete ich die Hand meines Freundes, als müsste sie wiederbelebt werden. Es war mein Zeichen an ihn, immer wenn ich wegen dieser Sache in Panik geriet.

Es passierte nichts, wir liefen weiter und ich merkte, dass auch hinter uns jemand lief. Meine Triggerzone. Von hinten. Aus. Vorbei. Ich wechselte die Straßenseite. Sah wieder diesen dämlichen Film in Endlosschleife. War genervt davon, dass es mich noch immer packt. Als ich das in der Therapie erzählte, fragte meine Therapeutin: „Sie hatten auch Angst, obwohl ihr Freund dabei war?“

Bam. Das hatte mich getroffen. „Ja“, sagte ich leise. Was mich noch mehr nervte. Es muss doch irgendwann auch einfach OKAY sein.

Auf der Bremse

Heute habe ich in der Therapie fast nur geschwiegen, als würde sich mein Körper weigern, durchs Erinnern noch mehr aufzuwühlen. Als habe er erst einmal genug Stoff zu bewältigen. Ich habe auf dem Sofa gelegen, auf der Decke mit den blauen Sternen, und bin die Linien mit den Fingern entlang geglitten. An einigen Stellen waren Nähte aufgerissen.

Ab und an erzählte ich kleine Anekdoten von Arbeit. Erzählte, dass ich gestern auf einem Sommerfest gewesen bin, viel Kunst gesehen habe. Belangloses. Nur um überhaupt etwas zu sagen – nicht Schweigend wieder zu gehen.

Aggrophase

Auf der Fensterbank im Sudterrain stehen immer Blumen. Heute sind es Sonnenblumen. Die Stiele wurden gekürzt, sodass die gelben Riesen winzig wirken. Ich starre sie an, während ich mich über Kleinigkeiten echauffiere. Ich kann mich schon nicht mehr erinnern, was ich da brabbelte, so banal waren sie.

„Heute liegt viel Aggressivität in der Luft“, sagt meine Therapeutin in eine Sprechpause hinein. Und erst da wurde mir klar, wie wütend ich war. Ich mochte mich selbst nicht. Denn ich bin keine zickige Frau, mecker selten. Aber seit einiger Zeit wurde ich irgendwie schnell aggro: Wenn Leute unpünktlich waren, wenn mein Freund zu laut Videos schaute – eben Banales, was mich sonst nicht berührte.

Als vor vielen Jahren mein Vater starb, war ich auch aggressiv. Damals war ich Anfang Zwanzig. Durch meine Aggressivität kontrollierte ich meine Gefühle. Sobald mich jemand in den Arm nahm, fing ich an zu weinen. Um das zu verhindern, zog ich eine Mauer hoch und stieß mit meiner ablehnenden Art viele Freunde vor den Kopf. Heute tut mir das leid. Aber ich kam nicht aus meiner Haut – so wie jetzt nicht.

„Es ist klar, dass in Ihnen Aggressionen sind. Ihnen wurde Gewalt angetan, somit ist es normal, dass Sie so fühlen“, erklärt meine Therapeutin. Und es klang logisch. Dennoch: Ich konnte mich nicht ausstehen.

Ich antworte: „Die Aggressionen richten sich gegen Menschen, die gar nichts für die Situation können.“ Ziel soll also sein, meine Aggressionen gegen den Täter zu richten. Nicht gegen Freunde, nicht gegen mich. Das klingt auch logisch, aber nicht simpel.

Was diesen Fremden angeht, bin ich überhaupt nicht aggro, sondern befinde mich in einer Verständnisphase. Ich empfinde keine Wut oder Aggressionen für das, was er mit mir gemacht hat. Sondern ich stelle mir viele Fragen: Hat er das schon mal gemacht? Wie ist er wohl aufgewachsen? Tut es ihm leid? Denkt er daran oder war es für ihn so unwichtig, dass es aus seinem Gedächtnis verschwunden ist? Das kann ich mir tatsächlich nur schwer vorstellen. Aber was denkt er dann, wenn er sich an die Nacht erinnert?

Verständnis statt Wut – diese verdrehte Gefühlswelt erschreckt mich. Ich frage mich, ob wir dazu gesellschaftlich erzogen sind. Wir alle haben gelernt Masken zu tragen und die wahren Gefühle nicht offen zu zeigen. Gerade fühle ich mich, als lebte ich in einer verkehrten Welt und es wird viel Kraft und Zeit kosten, die richtigen Verknüpfungen wieder herzustellen. Zumal ich überhaupt keine Ahnung habe, wie das gehen soll.

Dunkelheit

Die Angst vor der Nacht ist zurück. Ich bin aufgewühlt. Zum ersten Mal haben wir in der Therapie die vollen 50 Minuten auf die Sache geschaut. Das hat meine Wunde aufgerissen, die mich nun wieder vor der Dunkelheit fliehen lässt:

Ich steige aus der Straßenbahn aus. Die Laternen färben den Asphalt organge. Will rennen, mich in meine Wohnung flüchten. Zwinge meine Füße jedoch nur zu eilen; ohne hastig zu wirken. Ich will nicht auffallen, versuche mit meinem Schritt stark zu wirken; während der Weg zu schwimmen beginnt, mein Hals vom Tränen Unterdrücken brennt, ich das Pressen der Zähne im Kiefer spüre.

Bekämpft hatte ich sie – so dachte ich. Die Angst vor der Nacht hatte ich unter Kontrolle, eben nur den ständigen Drang über die linke Schulter zu blicken. Und nun spüre ich, wenn sich die Sonne senkt, wieder die Sucht mich zu Hause zu verkriechen.

Ich habe heute in der Therapie meinen Film im Kopf geschildert: Der Blick von oben, als würde ich über das Geschehen fliegen: Er, wie er hinter mir steht und sein Becken an mich stößt; der schwarzgraue Asphalt mit dem Handy, das im Augenwinkel verbleicht. Perspektivwechsel: der Hinterkopf, der zwischen den parkenden Autos davonkommt. Ich habe von meinem letzten Blogeintrag erzählt – die ersten Tage; ganz trocken, oft im Wortlaut, wie ich es aufgeschrieben hatte.

Dann kam die Wut „Das ist doch scheiße“, war ein Satz, den ich häufig sagte. Wie kann es auch sein, dass es so kompliziert ist, nach so einer Sache, Hilfe zu bekommen. Eine Frau, die einen Selbstverteidigungskurs für Frauen anbot, rief einfach nicht zurück – unerhört. Therapeuten, die mir ruppig erklärten, dass sie keinen Platz frei haben.

Kurzes Schweigen im kahlen Raum im Südterrain, wo ich zwei Mal die Woche auf dem Sofa liege. „Also wenn ich Sie so höre“, sagt meine Therapeutin, „dann spüre ich ihre Emotionen erst, wenn Sie darüber sprechen, keine Hilfe zu bekommen.“

Stimmt. Das war mir vorher nicht aufgefallen. Ich erzählte den Film in meinem Kopf, als würden er mich nicht betreffen. Als fehlte eine Ebene, die in mir wie abmontiert schien, nicht auffindbar. Tränen rannen erst über meine Wange, als ich über das miserable Hilfssystem schnaubte. Und meine These äußerte, das wir ein System der Täter haben: Es gibt Gerichte, in denen die Schuld oder Unschuld der Täter bewiesen wird, Anwälte, die sie verteidigen, Staatsanwälte, die sie anklagen. Polizei, Gefängnisse. Und was ist mit den Opfern? Wie ist ihre Hilfe organisiert?

Ihr Satz ließ etwas in mir erwachen: Ich aus der Vogelperspektive. Das rationale Erzählen –  ein Schutzmechanismus, der jeden davor bewahrt, die wirklichen Gefühle ertragen zu müssen. Sich dazu Zugang zu verschaffen, da muss und will ich hin. Der Körper lässt es wohl zu, wenn man bereit dafür ist. Ich bin es nicht. Gerade reißt alles wieder auf.

Fehlende Worte

Ich weiß nicht, wie ich es aufgreifen soll. Ich lag auf diesem Sofa, mit dem Muster aus Quadraten. Im Sudterrain, in diesem so kahlen Raum, der bewusst so gehalten ist. Ich weiß, wieso ich auf diesem Sofa liege. Um diese Nacht zu verarbeiten. Um mich nachts wieder sicher auf der Straße zu fühlen. In der letzten Sitzung habe ich vom Blog erzählt, zum ersten Mal mit meiner Therapeutin darüber gesprochen. Und ich will an diesem Punkt anknüpfen.  Weiß aber nicht wie ich anfangen soll. Spreche dann doch über das, was mich sonst in meinem Leben beschäftigt – die ganzen 50 Minuten, die ich mit ihr habe.

Es fühlt sich so an, als würde jemand, den man nicht so gut kennt, fragen: Wie geht es dir? Und man setzt sein freundliches Lächeln auf, die Maske, die man gelernt hat als Kind zu tragen, und sagt: Alles ist gut; während vor dem inneren Auge, die Bilder aufblitzen, die einem vorführen, dass es einem absolut nicht gut geht.

Gerade habe ich eine Serie geguckt, in der eine Frau 15 Jahre für sich behalten hat, dass sie von einem Familienmitglied vergewaltigt wurde. Sie hat sich weder Freunden noch ihrem Ehemann anvertraut. Es war unerträglich und das schlimme ist, es steht für eine unerträgliche Realität. Nur 4 Prozent aller vergewaltigten Frauen gehen vor Gericht. In der Hälfte der Fälle sind die Täter die eigenen Ehemänner, häufig Verwandte, Freunde, Nachbarn, Arbeitskollegen. Ich finde, dass man das bedenken muss, wenn wir über Gleichberechtigung in Deutschland nachdenken; über Frauenquoten und gleiche Bezahlung diskutieren. Hinter vielen Türen findet so viel Unterdrückung statt. Jede siebte Frau hat sexuelle Gewalt erlebt. Jede zweite Frau ist sexuell belästigt worden.

Ich wurde nicht vergewaltigt. Ich hatte Glück im Unglück, wenn man es so will. Weil ich offenbar die intuitive Kraft hatte, um mein Leben zu schreien. Und Lärm nicht das ist, was dieser Mann erwartet hatte. Er suchte nach schwachen Frauen, das wurde mir am Frauennottelefon gesagt. Aber woran soll man das erkennen?

Ich bin „nur“ überwältigt worden. Angefasst von einem Mann, der nicht um Erlaubnis fragte. Der von hinten kam, und sich einfach nahm, was er wollte. Das sitzt wie ein Dorn in mir, den ich nicht schaffe, herauszuziehen. Und ich weiß einfach nicht, wie ich beginnen soll.