Tal der Tränen

Ich weiß auch gerade nicht, was die Tränenlawine losgetreten hat. War auf dem Geburtstag eines Freundes, wie jedes Jahr regnet es an seinem Ehrentag, und wie jedes Jahr feiert er ohne Kompromisse im Park. Hartnäckig der Kerl, aber so liebenswürdig. Ich bin jedes Mal skeptisch und doch wird es immer ein wunderschöner Abend. Dieses Jahr, zum 34.. direkt an einem kleinen Ententeich, mit Feuerstelle, viel Alkohol. Wie immer in netter Gesellschaft, eben wenn Freunde zusammen sitzen. Und natürlich hat es wie jedes Jahr nicht mehr groß geregnet und es war einfach schön.

Dann ging es ums nach Hause fahren, habe kurz auf dem Handy einer Freundin geschaut, ein bisschen komplizierter Weg von dort zu mir, aber alles kein Problem. Nachts braucht man eben länger. Plötzlich wollte ich nur noch weg. Habe meine Freunde umarmt, und schon ein Kloß im Hals gehabt, beim Geburtstagskind hatte ich schon hohen Wasserstand.

„Alles ok“, sagte ich. „Kein Problem.“ Ich wollte stark sein. Ich schaffe es allein durch den dunklen Park bis zur Straßenbahn. Wollte wirklich stark sein. Doch meine Freunde, haben null gezögert. Ohne Fragen zu stellen, haben sie gleich reagiert. Zwei haben mich bis zur Hauptstraße gebracht und mich in ein Taxi gesetzt. Ich habe einfach nur geweint. Ich fühle mich wie in DIESER Nacht, sehe die Bilder so präsent vor mir, als sei es gerade passiert: Wie er mir unter mein Kleid greift, es hoch reißt und einfach versucht mich zu ficken. Ich kann überhaupt nicht aufhören zu weinen, wie damals in den ersten Tagen danach. Ich weiß nicht, wieso es ausgerechnet heute passiert. Hatte einen wunderschönen Mädelstag, frühstücken, baden gehen, ins Gewitter kommen, pitsche nass zu Hause reinschneien, quatschen und zu einer Geburtstagparty gehen – alles ganz entspannt. Und nun rollen die Tränen, und ich kann einfach nicht aufhören zu weinen. Alle Bilder von dieser Nacht werden hochgespült.

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Fahrradgeschwindigkeit

Seit kurzem habe ich ein Fahrrad. Tolle Sache. Besonders bei kurzen Strecken kommt man doch schneller voran, als wenn man bis zum Bahnhof laufen, auf den Zug warten , und die kurze Strecke fahren würde. Und es hat noch einen anderen Vorteil: Niemand kann hinter mir im Windschatten laufen.

Ich weiß noch, als ich das erste Mal nach dem Übergriff Fahrrad fuhr. Jedes Auto, das von hinten an mir vorbeidüste, war eine Tortur. Mit Tränen in den Augen war ich damals das letzte Stück bis zum Restaurant gefahren. Dieses Mal gab mir das Fahrrad Sicherheit. Schnell konnte ich jeden hinter mir lassen.

Nun gut, an einer engen Stelle, wo ich mich zwischen einem parkenden Auto und einem Hauseingang durch schlängeln musste, hatte ich für einen kurzen Moment das Bild vor Augen, wie es wäre, wenn mich jetzt jemand auf den Boden reißen würde. Ein Tritt und Peng. Dann würde mir das Fahrrad gar nichts bringen.

Doch als der Bürgersteig wieder breiter wurde, konnte ich das Bild aus meinem Kopf verbannen. Nach wenigen Minuten war ich schon zu Haus und hinter der Eingangstür verschwunden.

Stocksteif

Mit einem leckeren Borrito in der Hand schlendern wir nach Hause – mein Freund und ich. Es ist Feierabend – endlich. Schon nach 21 Uhr. Wir sprechen über die Arbeit, über die Fifa, und wie es wohl weiter geht mit Blatter. Wird er wieder gewählt werden? Muss er zurücktreten?

Er hat mich vom Zug abgeholt, weil er morgen für zwei Wochen auf Dienstreise muss. Letzte Zweisamkeit. Wir sind schon fast bei unserem Hauseingang angelangt, noch einmal um die Ecke biegen. Mein Freund macht einen Schritt hinter mich, will etwas in den Mülleimer am Bordsteinrand schmeißen. Mein Kopf dreht sich von links nach rechts, er ist aus meinem Blickfeld verschwunden.

Plötzlich schlägt etwas in meine Kniekehlen. Ich schreie laut, mache einen Satz nach vorn, mir schießen Tränen in die Augen. Er nimmt mich sofort in den Arm. Unter dem Mülleimer lag ein langer Stock, in dem er sich verhangen hat, wodurch der an meine Beine schlug. Man ey! Manchmal gibt es auch komische Situationen, die einen herausfordern.

Stillstand

Wie Wiederholungen kommen sie mir vor. Situationen, in denen Hunde hinter meinem Rücken beginnen sich anzukläffen, und ich zusammenschrecke. Wege, bei denen ich mich ständig umdrehe, um zu sehen, wer hinter mir läuft. Momente im Dunkeln, in denen ich einfach nach Hause rennen möchte. Noch immer kann ich nicht auf die Gefühle, von dieser einen Nacht zugreifen. Mein Körper scheint noch nicht bereit, es zu ertragen. Absolut im Verdrängungsmodus.

Jahreswechsel

Zehn, neun, acht… Neujahr. Raketen knallen, Bleigießen für die Voraussage des neuen Jahres und mir wird klar: Eineinhalb Jahre ist der Übergriff her und noch immer habe ich mein Sicherheitsgefühl auf der Straße nicht zurückerobert. Erst vor ein paar Tagen fing jemand hinter mir an zu rennen, durch die Laterne sah ich seinen langen Schatten auf mich zurasen; dazu das näher kommende Traben seiner Füße; ich zuckte zusammen.

Habe gerade einen Beitrag zum Thema „sexuelle Gewalt“ gesehen. Wir müssen mehr über die Folgen reden, endet er. Voila! Ich werde weiter diesen Blog schreiben. Gesundes Neues!

http://www.daserste.de/information/wissen-kultur/ttt/videos/wie-ist-die-weltweite-gewalt-gegen-frauen-zu-stoppen-100.html

Traumschleifen

So lange waren sie verschwunden. Jetzt drängt sich das Thema fast jede Nacht in meine Träume. Diese saß ich an einer Bar, schick gekleidet, schwarzes elegantes Kleid, als würde ich auf einen Ball gehen wollen. Neben mir stand ein junger Typ, der mich zu gewinnen versuchte. Er schwafelte etwas von sexuellen Übergriffen: Wer denn so was tatsächlich erlebt habe, faselte er. Und bewegte sich dabei, als würde er tanzen. Voller Heiterkeit.

Als er verschwand saß neben mir plötzlich ein anderer Mann. Sanfter Blick, etwas gebeugt, so als hätte er gespürt, wie schwer dieses Erlebnis auf meiner Seele brannte. Mit welchem Unverständnis ich den anderen Fremden anblickte. Ob ich es ihm erzählen wolle, fragte er? Ich hörte mich nicht sprechen, aber meine Lippen bewegten sich.

Vielleicht steht der Traum dafür, mehr darüber sprechen zu wollen. In der Therapie versuche ich das Thema manchmal zu umschiffen. Aus Angst es noch nicht ertragen zu können. In einer meiner Sitzung vor ein paar Tagen erzählte ich, was mir am Wochenende passierte: Ich fuhr mit dem Bus – Schienenersatzverkehr – und kurz vor der letzten Haltestelle bremste der Fahrer so stark, dass der Mann neben mir in mich hinein fiel, mit seinem Arm in mein Gesicht schlug. Drei Mal hat er sich entschuldigt. Ich lächelte ihn an. Kein Problem, sagte ich, während ich die Tränen bekämpfte.

Die nächsten Stationen mit der U-Bahn habe ich geweint – leise. Ich konnte mich nicht beruhigen. Die Wunde ist noch offen, nicht verheilt, war das Fazit in der Therapie. Dann sprachen wir über andere Themen, die mich zurzeit wieder bewegen: Mein toter Vater, seine Taten.

Der fallende Mann, auch er verfolgte mich in meinem Traum. Dort schlug er mir ins Gesicht.

Nach dem Aufwachen ist es immer gleich: Ich bin belegt mit einer tiefen Trauer, wie ein Schleier, den ich nicht schaffe zu heben. Ich habe das Gefühl, wenn jetzt etwas nicht läuft wie geplant, die kleinste Kleinigkeit, dass ich dann sofort beginne zu weinen.

Schisshase

Ich bin in einer neuen Stadt. Beruflich. Nur für ein paar Wochen. Und ganz ehrlich: Ich habe abends noch nicht einen Schritt vor die Tür gesetzt. Ich meine diese Stadt ist nicht sonderlich groß und hier soll auch nicht viel los sein… und das bete ich mir im Kopf immer wieder vor, um nicht darüber nachdenken zu müssen, dass ich Angst haben könnte, alleine raus zu gehen und das Unbekannte zu erobern.

Bei der Wohnungsübergabe hat die junge Dame mir abgeraten, zu diesem einen bestimmten Park zu gehen. Viele Drogen. Und in letzter Zeit habe es viele Übergriffe auf Frauen gegeben. Super Voraussetzung. Willkommen neues Übergangszuhause.

Zu dunkel

Genau 15 Minuten müssen wir auf die Straßenbahn warten. Es ist noch nicht einmal Mitternacht und ich fluche mal wieder über die Öffentlichen Verkehrsmittel und philosophiere, seit wann die Bahn um diese Zeit nur alle 20 Minuten fährt. Immer wenn wir länger als acht Minuten warten müssen, laufe ich mit meinem Freund eine Station. Es vertreibt die Zeit. Und man hat das Gefühl, man kommt voran.

Als wir vor ein paar Tagen liefen, fiel mir zum ersten Mal auf, dass der Bürgersteig an der Hauptstraße überhaupt nicht beleuchtet ist. Neben einer fast unbefahrenen mehrspurigen Straße und parkenden Autos, eine gemütliche Atmosphäre – aber beängstigend. Auf uns steuerte eine junge Gestalt zu, die Kapuze ins Gesicht gezogen. Früher hätte mir das wenig ausgemacht. Was sollte schon passieren? Es war meine Stadt und die fühlte sich an wie ein Schutzmantel. Ich glaube an das Gute im Menschen. Das tue ich auch immer noch. Aber nun knetete ich die Hand meines Freundes, als müsste sie wiederbelebt werden. Es war mein Zeichen an ihn, immer wenn ich wegen dieser Sache in Panik geriet.

Es passierte nichts, wir liefen weiter und ich merkte, dass auch hinter uns jemand lief. Meine Triggerzone. Von hinten. Aus. Vorbei. Ich wechselte die Straßenseite. Sah wieder diesen dämlichen Film in Endlosschleife. War genervt davon, dass es mich noch immer packt. Als ich das in der Therapie erzählte, fragte meine Therapeutin: „Sie hatten auch Angst, obwohl ihr Freund dabei war?“

Bam. Das hatte mich getroffen. „Ja“, sagte ich leise. Was mich noch mehr nervte. Es muss doch irgendwann auch einfach OKAY sein.

Dunkelheit

Die Angst vor der Nacht ist zurück. Ich bin aufgewühlt. Zum ersten Mal haben wir in der Therapie die vollen 50 Minuten auf die Sache geschaut. Das hat meine Wunde aufgerissen, die mich nun wieder vor der Dunkelheit fliehen lässt:

Ich steige aus der Straßenbahn aus. Die Laternen färben den Asphalt organge. Will rennen, mich in meine Wohnung flüchten. Zwinge meine Füße jedoch nur zu eilen; ohne hastig zu wirken. Ich will nicht auffallen, versuche mit meinem Schritt stark zu wirken; während der Weg zu schwimmen beginnt, mein Hals vom Tränen Unterdrücken brennt, ich das Pressen der Zähne im Kiefer spüre.

Bekämpft hatte ich sie – so dachte ich. Die Angst vor der Nacht hatte ich unter Kontrolle, eben nur den ständigen Drang über die linke Schulter zu blicken. Und nun spüre ich, wenn sich die Sonne senkt, wieder die Sucht mich zu Hause zu verkriechen.

Ich habe heute in der Therapie meinen Film im Kopf geschildert: Der Blick von oben, als würde ich über das Geschehen fliegen: Er, wie er hinter mir steht und sein Becken an mich stößt; der schwarzgraue Asphalt mit dem Handy, das im Augenwinkel verbleicht. Perspektivwechsel: der Hinterkopf, der zwischen den parkenden Autos davonkommt. Ich habe von meinem letzten Blogeintrag erzählt – die ersten Tage; ganz trocken, oft im Wortlaut, wie ich es aufgeschrieben hatte.

Dann kam die Wut „Das ist doch scheiße“, war ein Satz, den ich häufig sagte. Wie kann es auch sein, dass es so kompliziert ist, nach so einer Sache, Hilfe zu bekommen. Eine Frau, die einen Selbstverteidigungskurs für Frauen anbot, rief einfach nicht zurück – unerhört. Therapeuten, die mir ruppig erklärten, dass sie keinen Platz frei haben.

Kurzes Schweigen im kahlen Raum im Südterrain, wo ich zwei Mal die Woche auf dem Sofa liege. „Also wenn ich Sie so höre“, sagt meine Therapeutin, „dann spüre ich ihre Emotionen erst, wenn Sie darüber sprechen, keine Hilfe zu bekommen.“

Stimmt. Das war mir vorher nicht aufgefallen. Ich erzählte den Film in meinem Kopf, als würden er mich nicht betreffen. Als fehlte eine Ebene, die in mir wie abmontiert schien, nicht auffindbar. Tränen rannen erst über meine Wange, als ich über das miserable Hilfssystem schnaubte. Und meine These äußerte, das wir ein System der Täter haben: Es gibt Gerichte, in denen die Schuld oder Unschuld der Täter bewiesen wird, Anwälte, die sie verteidigen, Staatsanwälte, die sie anklagen. Polizei, Gefängnisse. Und was ist mit den Opfern? Wie ist ihre Hilfe organisiert?

Ihr Satz ließ etwas in mir erwachen: Ich aus der Vogelperspektive. Das rationale Erzählen –  ein Schutzmechanismus, der jeden davor bewahrt, die wirklichen Gefühle ertragen zu müssen. Sich dazu Zugang zu verschaffen, da muss und will ich hin. Der Körper lässt es wohl zu, wenn man bereit dafür ist. Ich bin es nicht. Gerade reißt alles wieder auf.

Die ersten Tage

Ich muss gerade viel an die ersten Tage nach dem Übergriff denken. Ich weiß noch wie ich gleich am nächsten Morgen zur Arbeit gegangen bin, weil ich mir durch diese „Sache“ nichts nehmen lassen wollte. Ob man mir diese Nacht ansieht, habe ich mich gefragt. Dass es mir nicht gut ging, muss man denke ich gesehen haben. Meine Augen waren so aufgequollen vom vielen Weinen und ständig stieg mir das Wasser in die Augen, das ich versuchte unter Kontrolle zu halten.

Mir war als ich 16 Jahre alt war schon mal ein Mann gefolgt, der versucht hatte mir zwischen die Beine zu gehen. Über Minuten rannte er hinter mir her. Ich war schneller. Monate hatte mich das aus der Bahn geworfen. Aber nun war ich Ende zwanzig und aus irgendeinem Grund dachte ich: Ich bin eine erwachsene Frau. Ich werde das ja wohl irgendwie aushalten.

Ich weiß nicht, ob es das Richtige war, mich in Arbeit zu stürzen. Es schien mir jedoch eine gute Ablenkung. Denn allein zu Hause zu sein, war noch schlimmer. Sobald nach Feierabend die Tür hinter mir ins Schloss fiel, stürzte alles über mir zusammen. Nachts traute ich mich nicht mehr raus. Über Wochen. Einmal hatte ich einen Termin, der unweigerlich länger dauerte und ich im Dunkeln nach Hause musste. Eine Qual. Ich wählte die Nummer eines Freundes nach dem anderen, bis einer abhob. Ich wollte nicht allein sein, wollte am anderen Ende eine vertraute Stimme haben, die mich begleitet.

Mir war klar, dass telefonieren mich nicht vor einem weiteren Übergriff schützen würde. Das hatte ich um ehrlich zu sein bis dahin gedacht: Wenn man telefoniert, dann wird man in Ruhe gelassen. Und ich habe Freundinnen, die auch so dachten. Aber in dieser einen Nacht sprach ich mit einem Bekannten am Telefon und es passierte dennoch.

Kurz bevor es passierte, beschlich mich ein ungutes Bauchgefühl – was wohl viele Frauen haben, bevor sie überfallen werden, wurde mir gesagt. Ich erinnere mich noch, wie ich am Telefon sagte: „Ich glaube, jemand will meine Handtasche klauen.“ Und schob meinen Beutel vor meine Brust. Das Smartphone in der Hand, die Tasche fest umklammert. Keine Hand frei, um schnell zu reagieren.

Als das Handy auf den Boden knallte, hörte mein Bekannter am Telefon meine Schreie – ein Tonzeuge. Er dachte im ersten Moment, ich würde einen schlimmen Unfall sehen oder meine Handtasche sei tatsächlich gestohlen worden – auch ihm fehlte wie mir zuvor die Vorstellungskraft, dass ein Mann mir das Kleid hochreißen könnte, um sein Becken gegen meines zu stoßen.

Ich habe oft mit ihm danach telefoniert, aus dem Gefühl heraus, er würde mich am besten verstehen, weil er alles gehört hatte. Denn ich musste erfahren, dass selbst gute Freunde der Situation hilflos gegenüberstanden: „Ach, das war bestimmt ein Junkie“, sagte einer meiner besten Freunde als ich ihm davon erzählte. „Das darfst du nicht so ernst nehmen.“ Mit ihm habe ich nie wieder darüber gesprochen.