Das Rockgefühl

Zum ersten Mal in diesem Jahr habe ich ihn an. Meinen Prinzessinenrock: bis zum Boden lang, grün, weich fallend. Den ganzen Tag bin ich über den Boden geschwebt und nun verlassse ich für heute das letzte Mal die U-Bahn. Ich will nach Hause. Draußen dämmert es. Kurz vor der ersten Ampel drehe ich mich um. Bei jedem Schritt fühle ich, wie meine Innenschenkel aneinander gleiten, wie der leichte Stoff meine Beine umweht. Ich drehe mich wieder um. Spüre in mir Unsicherheit aufsteigen. Merke, dass mir im Dunkeln die Sicherheit einer Hose fehlt, die im Winter so selbstverständlich war.

Ich erinnere mich noch an die Frage der Frau bei der Kripo vor knapp einem Jahr: „Wie genau ist der Mann unter das Kleid gekommen?“, fragte sie. Die Frau war jung, nicht viel älter als ich, trug Pferdeschwanz, tippte die ganze Zeit auf ihrer Tastatur mit, während ich sprach. Gerade hatte ich erklärt, dass der Stoff meines Kleides sich nur schwer dehnen ließ. In der Nacht in der „die Sache“ passierte, trug ich ein Leinenkleid; breite Träger, figurbetont, der Stoff ging bis knapp über die Knie. Mit einem Schwung riss er mir das Kleid von hinten hoch. So, dass mein linker Oberschenkel brannte, als sei jemand mit einem Reibepapier darüber entlang geratscht. Nach ein paar Tagen sah ich nur einen kleinen blauen Fleck. Ich hatte keine große Wunde, die sichtbar dafür stand, wie viel Schmerz er mir zufügte.

Wie also war er darunter gekommen? Ob er eher von der Mitte des Kleides gezogen habe. Oder eher von links, weil ja diese Seite schmerzte. Ob er überhaupt mit den Fingern richtig unter den Stoff gekommen sei. Das wollte die Frau bei der Kripo wissen.

Bis zu diesem Moment hatte ich noch nicht über die Kleid-Hochreiß-Technik dieses Mannes nachgedacht. Ich konnte ihn nicht einmal richtig beschreiben. Jung, klein und sportlich waren die Adjektive, mit denen ich ihn skizzierte. Sein Gesicht habe ich nicht gesehen.

Die technische Frage dieser Frau fand ich absurd. Ich versuchte mir natürlich sehr gewissenhaft vorzustellen, wie man wohl innerhalb weniger Sekunden unter ein enges Kleid kommt. Muss man sich dafür bücken? Nimmt man beide Hände? Nur eine? Wie lange muss man planen? Übt man das irgendwie? Letztlich zuckte ich mit den Schultern. Dieser Mann zuppelte nicht. Es gab nur einen Ruck bis ich im Tanga vor ihm stand. Mehr konnte ich dazu nicht sagen.

Als ich nun heute mit den Fingern durch meine Kleiderstapel glitt, auf der Suche nach einem sommerlichen Outfit, stoppten sie bei dem dunkelblauen Kleid aus dieser Nacht. Ich zog es heraus. Es war ordentlich zusammengefaltet, etwas plattgedrückt von den Stücken, die darauf lagen. Ich hatte es nicht weggeworfen. Es war ganz neu gewesen. An diesem Tag vor etwa einem Jahr trug ich es zum ersten Mal. Ich wollte es wieder anziehen. Auch, um mir von ihm nichts nehmen zu lassen.

Heute habe ich es unter einen Klamottenstapel in das oberste Regal gestopft.

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