Aggrophase

Auf der Fensterbank im Sudterrain stehen immer Blumen. Heute sind es Sonnenblumen. Die Stiele wurden gekürzt, sodass die gelben Riesen winzig wirken. Ich starre sie an, während ich mich über Kleinigkeiten echauffiere. Ich kann mich schon nicht mehr erinnern, was ich da brabbelte, so banal waren sie.

„Heute liegt viel Aggressivität in der Luft“, sagt meine Therapeutin in eine Sprechpause hinein. Und erst da wurde mir klar, wie wütend ich war. Ich mochte mich selbst nicht. Denn ich bin keine zickige Frau, mecker selten. Aber seit einiger Zeit wurde ich irgendwie schnell aggro: Wenn Leute unpünktlich waren, wenn mein Freund zu laut Videos schaute – eben Banales, was mich sonst nicht berührte.

Als vor vielen Jahren mein Vater starb, war ich auch aggressiv. Damals war ich Anfang Zwanzig. Durch meine Aggressivität kontrollierte ich meine Gefühle. Sobald mich jemand in den Arm nahm, fing ich an zu weinen. Um das zu verhindern, zog ich eine Mauer hoch und stieß mit meiner ablehnenden Art viele Freunde vor den Kopf. Heute tut mir das leid. Aber ich kam nicht aus meiner Haut – so wie jetzt nicht.

„Es ist klar, dass in Ihnen Aggressionen sind. Ihnen wurde Gewalt angetan, somit ist es normal, dass Sie so fühlen“, erklärt meine Therapeutin. Und es klang logisch. Dennoch: Ich konnte mich nicht ausstehen.

Ich antworte: „Die Aggressionen richten sich gegen Menschen, die gar nichts für die Situation können.“ Ziel soll also sein, meine Aggressionen gegen den Täter zu richten. Nicht gegen Freunde, nicht gegen mich. Das klingt auch logisch, aber nicht simpel.

Was diesen Fremden angeht, bin ich überhaupt nicht aggro, sondern befinde mich in einer Verständnisphase. Ich empfinde keine Wut oder Aggressionen für das, was er mit mir gemacht hat. Sondern ich stelle mir viele Fragen: Hat er das schon mal gemacht? Wie ist er wohl aufgewachsen? Tut es ihm leid? Denkt er daran oder war es für ihn so unwichtig, dass es aus seinem Gedächtnis verschwunden ist? Das kann ich mir tatsächlich nur schwer vorstellen. Aber was denkt er dann, wenn er sich an die Nacht erinnert?

Verständnis statt Wut – diese verdrehte Gefühlswelt erschreckt mich. Ich frage mich, ob wir dazu gesellschaftlich erzogen sind. Wir alle haben gelernt Masken zu tragen und die wahren Gefühle nicht offen zu zeigen. Gerade fühle ich mich, als lebte ich in einer verkehrten Welt und es wird viel Kraft und Zeit kosten, die richtigen Verknüpfungen wieder herzustellen. Zumal ich überhaupt keine Ahnung habe, wie das gehen soll.