Verblasst, aber nicht vergessen

Neues Jahr, neues Glück. Ich habe schon lange nichts mehr geschrieben. Der Übergriff drängt sich immer mehr in die hinteren Hirnhälften. Das fühlt sich gut an. Klar, noch immer drehe ich mich, wenn es dunkel ist, besorgt um, und schaue, wer hinter mir läuft. In diesen Momenten wird es wohl nie verschwinden. Aber ich habe nicht mehr jeden Tag diese Bilder, die durch meinen Kopf schießen wie durch einen Diaprojektor. Es verblasst – und doch bleibt es nicht vergessen.

Gerade wenn solche Meldungen bekannt werden, wie dieser Tage:  Dutzende Männer haben mindestens 100 Frauen in Köln belästigt, eine Frau wurde sogar vergewaltigt. Fassungslos macht mich das. Und dann der Mega-Tipp der Bürgermeisterin: Man solle doch als Frau schon nicht die Nähe suchen, und eine Armlänge Abstand halten, von Menschen, die man nicht kenne. Bei solchen Aussagen kocht es in mir.

Ich bin gespannt, wie sich die Diskussion entwickelt, was die Polizei noch ermitteln wird. Die Frage, die für mich, wie auch in dem Kölner Fall, offen ist: Welche Motivation steckt hinter so einer Tat?

Zu dunkel

Genau 15 Minuten müssen wir auf die Straßenbahn warten. Es ist noch nicht einmal Mitternacht und ich fluche mal wieder über die Öffentlichen Verkehrsmittel und philosophiere, seit wann die Bahn um diese Zeit nur alle 20 Minuten fährt. Immer wenn wir länger als acht Minuten warten müssen, laufe ich mit meinem Freund eine Station. Es vertreibt die Zeit. Und man hat das Gefühl, man kommt voran.

Als wir vor ein paar Tagen liefen, fiel mir zum ersten Mal auf, dass der Bürgersteig an der Hauptstraße überhaupt nicht beleuchtet ist. Neben einer fast unbefahrenen mehrspurigen Straße und parkenden Autos, eine gemütliche Atmosphäre – aber beängstigend. Auf uns steuerte eine junge Gestalt zu, die Kapuze ins Gesicht gezogen. Früher hätte mir das wenig ausgemacht. Was sollte schon passieren? Es war meine Stadt und die fühlte sich an wie ein Schutzmantel. Ich glaube an das Gute im Menschen. Das tue ich auch immer noch. Aber nun knetete ich die Hand meines Freundes, als müsste sie wiederbelebt werden. Es war mein Zeichen an ihn, immer wenn ich wegen dieser Sache in Panik geriet.

Es passierte nichts, wir liefen weiter und ich merkte, dass auch hinter uns jemand lief. Meine Triggerzone. Von hinten. Aus. Vorbei. Ich wechselte die Straßenseite. Sah wieder diesen dämlichen Film in Endlosschleife. War genervt davon, dass es mich noch immer packt. Als ich das in der Therapie erzählte, fragte meine Therapeutin: „Sie hatten auch Angst, obwohl ihr Freund dabei war?“

Bam. Das hatte mich getroffen. „Ja“, sagte ich leise. Was mich noch mehr nervte. Es muss doch irgendwann auch einfach OKAY sein.

Dunkelheit

Die Angst vor der Nacht ist zurück. Ich bin aufgewühlt. Zum ersten Mal haben wir in der Therapie die vollen 50 Minuten auf die Sache geschaut. Das hat meine Wunde aufgerissen, die mich nun wieder vor der Dunkelheit fliehen lässt:

Ich steige aus der Straßenbahn aus. Die Laternen färben den Asphalt organge. Will rennen, mich in meine Wohnung flüchten. Zwinge meine Füße jedoch nur zu eilen; ohne hastig zu wirken. Ich will nicht auffallen, versuche mit meinem Schritt stark zu wirken; während der Weg zu schwimmen beginnt, mein Hals vom Tränen Unterdrücken brennt, ich das Pressen der Zähne im Kiefer spüre.

Bekämpft hatte ich sie – so dachte ich. Die Angst vor der Nacht hatte ich unter Kontrolle, eben nur den ständigen Drang über die linke Schulter zu blicken. Und nun spüre ich, wenn sich die Sonne senkt, wieder die Sucht mich zu Hause zu verkriechen.

Ich habe heute in der Therapie meinen Film im Kopf geschildert: Der Blick von oben, als würde ich über das Geschehen fliegen: Er, wie er hinter mir steht und sein Becken an mich stößt; der schwarzgraue Asphalt mit dem Handy, das im Augenwinkel verbleicht. Perspektivwechsel: der Hinterkopf, der zwischen den parkenden Autos davonkommt. Ich habe von meinem letzten Blogeintrag erzählt – die ersten Tage; ganz trocken, oft im Wortlaut, wie ich es aufgeschrieben hatte.

Dann kam die Wut „Das ist doch scheiße“, war ein Satz, den ich häufig sagte. Wie kann es auch sein, dass es so kompliziert ist, nach so einer Sache, Hilfe zu bekommen. Eine Frau, die einen Selbstverteidigungskurs für Frauen anbot, rief einfach nicht zurück – unerhört. Therapeuten, die mir ruppig erklärten, dass sie keinen Platz frei haben.

Kurzes Schweigen im kahlen Raum im Südterrain, wo ich zwei Mal die Woche auf dem Sofa liege. „Also wenn ich Sie so höre“, sagt meine Therapeutin, „dann spüre ich ihre Emotionen erst, wenn Sie darüber sprechen, keine Hilfe zu bekommen.“

Stimmt. Das war mir vorher nicht aufgefallen. Ich erzählte den Film in meinem Kopf, als würden er mich nicht betreffen. Als fehlte eine Ebene, die in mir wie abmontiert schien, nicht auffindbar. Tränen rannen erst über meine Wange, als ich über das miserable Hilfssystem schnaubte. Und meine These äußerte, das wir ein System der Täter haben: Es gibt Gerichte, in denen die Schuld oder Unschuld der Täter bewiesen wird, Anwälte, die sie verteidigen, Staatsanwälte, die sie anklagen. Polizei, Gefängnisse. Und was ist mit den Opfern? Wie ist ihre Hilfe organisiert?

Ihr Satz ließ etwas in mir erwachen: Ich aus der Vogelperspektive. Das rationale Erzählen –  ein Schutzmechanismus, der jeden davor bewahrt, die wirklichen Gefühle ertragen zu müssen. Sich dazu Zugang zu verschaffen, da muss und will ich hin. Der Körper lässt es wohl zu, wenn man bereit dafür ist. Ich bin es nicht. Gerade reißt alles wieder auf.