Gelüfteter Schleier

Drei Mal die Woche habe ich Therapie. Und es ist oft die dritte Sitzung, die sich so leer und schwer anfühlt – zumindest am Anfang der Stunde. Das Offensichtliche ist bereits erzählt und dann füllt sich der Kopf mit Leere. So wie heute.

„Haben wir noch ein Thema auf der Liste?“, frage ich meine Therapeutin. Denn wir sind schon oft tief in mein Innerstes gereist und am Ende der Stunde war klar, dass es zu diesem Aspekt noch viel zu analysieren gibt. Doch es gibt keine Liste. „Und selbst wenn“, sagt sie, „wird sie mir kein Thema vorgeben.“ Ich muss lachen. Ein Versuch war es wert. Ich weiß ja: Eine Analyse funktioniert so nicht. Es geht darum den Körper durch die eigenen Worte dahin zu leiten, wohin er bereit ist zu gehen.

Heute habe ich keine Ahnung, wohin ich blicken will. Beginne nach einer kurzen Pause davon zu erzählen, dass der Übergriff mich noch beschäftigt, wenn ich durch die Straßen laufe. Ich erzähle das, was ich im letzten Blogbeitrag geschrieben habe. Lange haben wir nicht mehr über diese eine Nacht gesprochen. Es gab andere Themen, die mich bewegten: Mein Vater. meine Mutter. Dinge aus der Kindheit.

So wie ich von den Bildern der ersten Tage erzähle, die in dieser Nacht vor wenigen Wochen wieder in mir aufstiegen, verbreitete ich ein komisches Gefühl im Raum, das erst einmal nur meine Therapeutin spürte. Ich wirke abschweifend beim Erzählen, sagt sie. Abschweifend. Mmh, damit kann ich nichts anfangen. Unbeteiligt vielleicht, sage ich. Und dann: Vielleicht will ich mir nicht eingestehen, wie präsent das Thema noch ist.

„Was denken Sie denn genau, wenn Sie durch die Straßen gehen und sie der Übergriff begleitet?“, fragt sie dann. Und mir entwischt ein vibrierendes Pusten, als wüsste man die Antwort auf eine schwierige Frage nicht und es würde nun einem nun besonders viel Kraft kosten, da eine gute Antwort zu geben. Ich muss lachen. Da scheint wirklich etwas in mir, nicht hinschauen zu wollen.

Ich konzentriere mich. Will ja eigentlich über das Thema reden. Und erzähle von einem Abend vor drei Wochen,  an dem ich auf dem Weg in eine Bar war. Freitags. Nach einer langen Woche. Geplättet. Ein Treffen mit anderen Journalisten ist die Option. Mein Freund will nicht mit und ich kann es verstehen. Zu oft drehen sich diese Abende um Arbeit. Und was ist mit mir? Habe ich Lust allein dort hinzugehen? Oder will ich lieber auf das Sofa zu meinem Freund schlüpfen?

Sei nicht so unsozial, sage ich mir. Du musst unter Leute. Zu oft bin ich kaputt und das Sofa gewinnt. Also entscheide ich mich, alleine hinzufahren – schon den Weg vor Augen, den ich alleine laufen muss. Und dann. Dann ist sie da, die Verbindung zu dieser einen Nacht.

Auch da habe ich nach einem langen Arbeitstag entschieden, doch noch in die Bar zu den Kollegen zu gehen. Und auf dem Rückweg ist es passiert. Was wenn es jetzt wieder so ist? Wenn ich genau jetzt, wo ich wieder entschieden habe, mir einen schönen Abend zu machen, ich auf dem Weg überfallen werde. Wie ein Ohmen quasi.

Auf dem Sofa liegend steigen in mir die Tränen auf. Leises Weinen. Ich kann nur schwer weiter Sprechen. Kaum Atmen. Meine Nase ist dicht. Ich habe den Schleier gehoben, dass was ich so lange als Normal deklariert habe, ohne es wirklich weiter zu erfühlen.

Ich erzähle, dass ich noch immer dieses eine Bild vor Augen habe, wenn ich daran denke: Die parkenden Autos in dem orangen Straßenlaternenlicht, dahinter die flachen Altbauten und dazwischen dieser Kopf eines jungen Mannes, dessen Gesicht unkenntlich bleibt. „Und was fühlen Sie, wenn Sie dieses Bild sehen?“, fragt sie mich. Ich fange bitterlich an zu weinen. Kann mich nicht mehr halten. Sie interpretiert. „Sie fühlen nichts“, sagt sie für mich. Ich nicke. „Eigentlich nicht.“

Ich habe noch keinen Zugriff auf meine Gefühle, was den Übergriff betrifft. Bin voll im Verdrängungsmodus.

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